Von Traumstränden und Schleudersitzen

Zwei Wochen auf Reisen haben wieder gezeigt: Indien kann vieles. Aber vieles auch nicht.

Indien kann definitiv Strand. Nicht in Mumbai. Da geht keiner ins Wasser. Wäre auch Selbstmord. Aber der Süden kann Strand. Und mehr. Goa fühlt sich nach Mumbai wie eine stille Oase an. Ok, nur im einen Teil. Der andere Teil is all about drugs. Und Russen. Keine so gute Mischung. War ein schönes Weihnachten 2016. Wenn man dem aber entkommt, dann ist es ein kleines Paradies. Ruhige Strände. Da gefällts auch den Kühen. Hütten am Strand. Frischer Fisch – Unglaublich. Delfine und Sonnenuntergänge. Und ungewohnt: Kein Anstarren. Gut, ist auch mehr eine Ausländerenklave, diese Goa.

Um dort hinzukommen bedarf es aber etwas Wissen. Indien kann Transport. Manchmal. Denn: Ein “successful booking” des Zuges mit den zugewiesenen Plätzen WL82 und WL83 bedeutet schlussendlich, dass der Zug ohne dich losfährt. Sag doch bitte einer, dass WL Waitinglist bedeutet. Und schickt doch bitte eine kurz Nachricht, dass man keine Plätze confirmed bekommen hat, bevor der Zug abfährt, nicht 12 Stunden später. Danke.

Indien kann Transport. Übernachtbusse sind genial. Abends rein. Pennen. Morgens raus.

(Mama, Papa, lest doch einfach einen Absatz weiter unten weiter. Danke.)

Übernachtbusse sind genial. Dachte ich bis zu einem Schlüsselerlebnis: Da steigst du entspannt ein und schläfst traumhaft ein, in deiner Schlafkabine. Nach einer Stunde dann Gerumpel. Alle raus aus dem Bus. Hektik. Und da stand ich dann in meiner Buchse im Gang. Mein Schlafsack unterm Arm. 2 Uhr nachts. Dunkelheit. Also raus aus dem Bus. Hose hatte ich dann doch noch angezogen. Der Bus war kaputt. Aber der Inder improvisiert. Kopfwackeln. No problem. Es werden also alle auf vorbeifahrende Busse verteilt. Also rein in den nächsten Bus – als letzter. Hektik. Neue Betten werden zugeteilt, Diskussionen auf Hindi. Übrig bleibt einer. Der Schaffner schlägt eine gemütlich Kabine vor. Liegt halt schon ein junges Pärchen drin. Ich lehne ab. Doch, doch meint der Schaffner. Nö, mein ich.

Kein Problem für den Guten. Wir improvisieren. Und ich sitze auf dem Amaturenbrett. Rutschiges Holz. Und der junge Bursche der sich Fahrer nennt, grinst, sagt was auf Hindi und tritt das Pedal bis zum Anschlag durch. Und das rostige Loch mit Bus außenrum schießt auf die einspurige Autobahn. Ich teil mir das Amaturenbrett derweil mit dem Schaffner. Kuschelig. Der zweite Fahrer sitzt in der Ecke und reißt andauernd kleine Tütchen auf und packt sich irgendein Pulver in den Mund. Sehr vertrauenserweckend. Und klar: sharing is caring. Ich lehne trotz Qualitätsgarantie ab.

Es stellt sich heraus: Ich sitze auf einem Schleudersitz. Der Bursche tritt den Bus brutal. Alle 100m überholen wir einen Laster. Wer kennt die Szene im Film, wenn zwei Lichter auf einen zukommen, man die Augen zumacht und auf den Einschlag wartet? Trotz Gegenverkehr zieht der Jungspund den Bus auf die Gegenfahrbahn, hält drauf und hupt durchgehend. Die Lichter werden größer. Das Hupen des Andern lauter. Im letzten Moment zieht er das Blechmonster auf die richtige Fahrbahn. Wie wenns ein Polo wäre. Ich bin tausend Tode gestorben während ich auf meinem Holzbrett rumgerutscht bin. Nach einer Stunde hab ich mich hinten in den Gang gelegt. Und jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich noch Nachtbusse buchen kann. Vielleicht nicht mehr den Günstigsten das nächste Mal.

=> MAMA, PAPA hier gehts weiter. Nachtbusse sind komfortabel, günstig und sicher.

Indien kann Essen. Sowieso immer. Hatte ich das schon mal erwähnt?  Was ich aber in Deutschland nie so realisiert habe: es gibt nicht DAS indische Essen. Klar geht das meiste schon in die gleiche Richtung. Aber das kleine bisschen, dass ich jetzt im Süden war hat das Essen schon total verändert. Viel Kokosnuss. Süssigkeiten. Mehr Fisch. Und das Familienessen einer Mama schmeckt wohl überall auf der Welt am besten.

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Und kaum aus Goa raus, hatte ich auch mein angestarrt-werden wieder. Verrückt. Klar verständlich, aber doch verrückt. Und wenn sich Leute im normalen Linienbus per Handschlag von dir verabschieden ohne dass ihr davor ein Wort gewechselt habt, fühlt sich das doch komisch an.

Indien kann so viel. Und kann so viel auch überhaupt nicht.

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