In den Gassen eines Slums

Nicht vieles prägt unser westliches Bild von Indien so sehr wie Slums. Bevor ich hergekommen bin dachte ich: Elendsviertel. Kriminalität. Verzweifelte Menschen. Schlamm. Gestank. Häuser, die auseinanderfallen. Jetzt kann ich berichten wie das Ganze in Echt aussieht.

So viele?

Zunächst mal zur großen Situation: 60% der Bevölkerung Mumbais wohnen in Slums. Gesamtbevölkerung Mumbai sind grob 20 Mio. Jeder freie Ort innerhalb der Stadt wird von Menschen besiedelt. Auch der Gehsteig. Und das ist dann besonders krank, wenn im Geschäftsviertel der 100. Wolkenkratzer für eine internationale Firma gebaut wird und sich unten, wie eine Wiese, ein Slum ausbreitet. Krass ausgedrückt.Skyscraper

(Quelle: http://static.panoramio.com/photos/large/47619189.jpg)

Nehmen wir unser Viertel Chembur als Beispiel. Das ist ein Vorort. Wie schon mal erwähnt ist es eher einer der problematischen: Atomreaktor. Müllkippe der Stadt. Und viel Slum. 800.000 Leute leben hier im Slum. Lächerliche 200.000 in “normalen” Verhältnissen. Da hier sowieso schon alles scheiße ist verlegt die Stadt gerade ihr Hauptgefängniss hierher. Stört da ja auch keinen. Oder: Aus den Augen aus dem Sinn. Hier herrscht eine der größten Kinder- und Müttersterblichkeitsraten der Stadt und die Analphabetenrate ist erschreckend hoch. Es gibt 2 weiterführende Schulen, wo eigentlich über 30 stehen sollten.

Im Alltag merkt man natürlich nicht viel davon. Ist halt ein einfaches Viertel, es gibt keine fanzy Bars und wenig Unterhaltung. Die Menschen leben hier.

Magic Bus – Ein hoch auf unsern Busfahrer!

Wie komm ich jetzt also in einen Slum? Über 5 Ecken bin ich bei einer NGO (magicbus.org) gelandet, die benachteiligten Kindern Bildung durch Sport vermittelt. Alltagsbildung wie Konfliktlösung. Vertrauensbildung. Teamwork. Kann ich mich mit identifizieren. Fand ich gut. Die haben mich also zu ihren Sessions eingeladen. Blöderweise war das Kontakthandy für den ersten Termin: ausgeschalten. Ich wusste also nicht genau wo. Und wer. Ich war ein bisserl aufgeregt. Egal. Also bin ich in eine Riksha gestiegen und einfach mal reingefahren, in diesen Slum. Ist ja quasi um die Ecke, meine Hood. Vor Ort hab ich dann rumgefragt. Alle sehr höflich, alle sehr freundlich. Kein Überfall auf den Weißen.

Ein kleiner Bub, der ein MagicBus Trikot an hat, teilt mir dann mit, ich solle doch mal mitkommen. Und dann gehst du halt einfach mal rein, in die erste dunkle Gasse, die dir entgegenkommt. Es wird dunkel. Und kühl. Angenehm eigentlich. Der Bub winkt dich weiter. Alle grüßen nett. Fragen nach deinem Namen und wo du herkommst. Und lassen dich dann in Ruhe. Und tatsächlich bringt er mich nicht zu seinem großen Bruder, dem Gangsterboss, sondern in den Gruppenraum der Organisation. Wieder alle super nett und hilfsbereit. Wir gehen mit den Kids kicken. Alles bestens.

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(Quelle: http://d6967f8ba60ff6d27bef-67527ab574a15b7eec76e75766ec9413.r99.cf2.rackcdn.com/1376470090_599.jpg)

Danach gehts auf Community-Visit, aka Slumtour. Und wie ich davor von außen und woanders schon gesehen habe: Ein Slum ist kein Elendsviertel. Zumindest nicht generell. Es mag auch richtig fertige Slums geben, sowieso. Aber die meisten schauen so aus: gemauerte Häuser, Wellblechdach, ein Raum, drinnen sehr sauber. Keine Möbel, weil kein Platz. Enge, schattige Gassen. Viele Menschen, die alle sehr beschäftigt sind. Tiere in den Gassen. Wasserversorgung über Leitungen. Es gibt sogar Toiletten. Der eine kleine Junge wollte trotzdem lieber vor mir in den Kanal kacken. Dieser Abwasserkanal schaut grausig aus, stinkt aber erstaunlich wenig. Sonst liegt viel Müll rum, wie überall in Indien. Es gibt einen Markt, Geldautomaten und Zigarettenläden. Die Menschen arbeiten als Rikshafahrer, Bananenverkäufer oder Wachmann in besseren Vierteln. Das Viertel ist super lebendig. Ein Slum ist einfach ein sehr komprimiertes Wohnviertel. Aber meistens kein Elendsviertel. Da hat sich mein Bild extrem gewandelt.

Trotzdem bleiben viele Probleme. Drogen. Alkohol. Bildung. Schlechte Hygiene wegen zu wenig Toiletten und fließend Wasser. Slummafia. Und viele Sachen mehr, die den Rahmen sprengen würden.

dharavi-panorama-1024x680.jpg

(Quelle: http://images.mapsofindia.com/my-india/2014/11/dharavi-panorama-1024×680.jpg)

Learnings

Ich hab also zuallererst mal mitgenommen, dass Slums anders sind wie ich sie mir vorgestellt habe. Und aus dem Kicken mit den Kindern hab ich Folgendes mitgenommen: Ich glaube Kinder auf der ganzen Welt sind gleich, egal mit welchem Background. Die wollen spielen. Und wenn man sie anlacht, lachen sie zurück. Klingt sehr abgedroschen. War aber so. Da war dieses kleine, schmächtige Mädchen. Hat mir den Ball abgenommen und danach eine Stunde nicht mehr aufgehört mich anzulachen. Oder dieser halbe Meter an Burschi, der sich gefreut hat, dass endlich mal wer da ist, mit dem er vernünftig Fussball spielen kann. Und nicht mehr von meiner Seite gewichen ist.

Und natürlich war das nur ein kurzer, oberflächlicher Einblick was da passiert. Aber es hat doch ein wenig das Bild vervollständigt, dass Indien mir zeigt. Abseits von Traumstränden und genialem Essen. Und es hat mir bestätigt, dass diese oft beschriebene Kraft des Sports tatsächlich funktioniert.

 

 

Titelbild (http://penniur.upenn.edu/uploads/projects-pubs/mumbai.slum.feature.jpg)

 

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